In einer neuen losen Folge wollen wir den schier unergründlichen Markt an Sportzeitschriften einmal näher unter die Lupe nehmen. Was lohnt sich zu lesen und was ist nur Bravo Sport.
Unser erster Test widmet sich dem Zentralorgan eines der bedeutendsten Sportverbände der Welt, der FIFA. Doch bevor wir lesen, erst ein paar technische Details:
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Das FIFA Magazin kommt in seiner Dezember Ausgabe mit großem Bild des jubelnden Chelsea Kapitäns John Terry auf der Titelseite daher (mit diesem Team gibt es ja auch für ihn noch Grund zur Freude). Schlagen wir das Hochglanzmagazin auf, so ist das erste was wir sehen können; der Blatter Sepp. Der Chef höchstselbst schreibt hier das Editorial. Das Beeindruckt erstmal, aber auch nur bis man die Zeilen gelesen hat. Da schreibt er unter dem Thema „Gleichgewicht“, was sich die FIFA so drunter vorstellt und man kann sich des Eindrucks nicht erwähren, dass es sich hier um ein klares politisches Statement der Organisation handelt, der den geneigten Leser die richtige Position aufzeigen soll. Dem folgt das Inhaltsverzeichnis und man findet gleich die vier Schwerpunktthemen: Porträt von Terry, eine Geschichte zu den Boca Juniors, ein Bericht zur Frauen WM und unter der Rubrik „damals und heute“ ein weiteres Porträt – von Lajos Detari. Das klingt alles einigermaßen viel versprechend, zumal noch andere weniger augenscheinliche Artikel warten.
Was schon auf den ersten Seiten auffällt ist der löbliche Mangel an Werbung. Die dann doch noch auffindbaren Anzeigen sind exklusiv auch von den Hauptsponsoren des Verbandes.
Los geht es mit John Terry. Wie im weiteren Verlauf des Heftes folgend, wird jeder Artikel mit zahlreichen großformatigen Fotos begleitet, was optisch einen hübschen Eindruck macht, aber heute wohl als Standart zu bezeichnen ist. Die Fotos über Terry sind dann auch ganz nett, der Bericht okay, ein Starporträt halt. Dem folgt, aus Anlass der FIFA Klub Weltmeisterschaft ein Bericht zum "Mythos Boca Juniors". Die kurze Darstellung ist sehr interessant und wird unterstützt von zwei Sonderspalten zu den Themen Spieler- bzw. Trainerlegenden, alles was so ein Mythos halt braucht. Danach folgen noch Berichte zur Frauen WM (großer Erfolg für alle), zum Fußballwandervogel Mido (der ägyptischen Version von Ansgar Brinkmann), sowie zu Jozy Altidore, einen der jungen Nachwuchsstars der MLS (einer wie man zugeben muss in Europa vernachlässigter Liga). Nicht zu vergessen in der Rubrik „damals und heute“ Lajos Detari. Ihm kann man nach dem Studium der über seine Person verfassten Zeilen auch gern den Lothar Matthäus Ungarns nennen, so viele Klubs wie der Mann schon erfolglos trainiert hat.
Besonders ansprechend scheint ein weiterer Artikel zur spanischen Nationalmannschaft zu sein. Er stellt die Frage, warum die Iberer ständig Nachwuchstitel sammeln, aber bei großen Turnieren im Seniorenbereich regelmäßig versagen. Das scheint bisher die spannendste Angelegenheit. Jedoch sind die vorgestellten Begründungen nicht sehr erhellend. Ein Hauptargument ist der sehr hohe Anteil ausländischer Fußballer in der Primera Division, ein wenigstens zu denken gebendes Argument, jedoch führt hier jegliche Beweisführung ins Leere, da man sich gar nicht erst bemüht die aufgestellte Behauptung in irgendeinen Zusammenhang zu stellen. Man könnte ja annehmen, es würden ein paar Statistiken folgen, wie viele Ausländer in Spanien spielen, im Vergleich beispielsweise zu Frankreich oder Italien (zweifellos erfolgreicher als Spanien), aber man bleibt so schlau wie zuvor. Ein weiteres Argument wird im nicht vorhandenen Nationalbewusstsein - der in zahlreiche Regionen aufgesplitterten spanischen Nation - gesehen, aber auch das überzeugt doch nicht wirklich, insbesondere die Argumentation, dass fehlendes Nationalbewusstsein zu fehlender Leistung führt (dann würde Spanien ja auch nicht dauernd im Futsal gewinnen). Da müssen die deutschen Titel ja sehr verwundern, so sind wir ja auch nicht mit einem enormen Nationalbewusstsein gesegnet (höchstens unter der Hand), haben aber doch immerhin drei Weltmeisterschaften und ebenso viele Europameisterschaften ergrätscht. In einem Punkt kann man aber dem Autor folgen. Junge Spanier spielen auf einem erstaunlich hohem technischen Niveau, was sich im Jugendalter stärker ausspielen lässt, da man später mit größeren physischen Mitteln dagegen halten kann. Doch trotz dieses richtigen Ansatzes bleibt eine wirkliche Idee warum Spanien regelmäßig versagt aus, vielleicht kann man ja aber auch nach der nächsten
Auch lässt dies den Verdacht aufkommen, man will hier indirekt Werbung für das neue 6+5 Projekt (eine einheitliche Ausländerbeschränkung für alle Klubs) der FIFA machen. Diesen Makel wird das ganze Magazin nicht wirklich los. Immer wieder drängt sich das Gefühl auf, der Blatter Sepp und sein Politbüro haben alles selbst geschrieben. Am besten zeigt sich dies vielleicht in der Kategorie „Magazine Inside“. Hier kann man kurz zusammengefasst erfahren, wo es den Präsidenten in den letzten Wochen so alles hinverschlagen hat (u.a. auf Briefmarken, nach Asien oder zum Geburtstag des finnischen Verbandes).
Diese Perspektive hat aber auch ihre interessanten Seiten, so wenn beispielsweise der Report über die ersten Qualifikationsspielen für die WM 2010 berichtet, wie sich zutiefst unprofessionelle Nationen auf den Weg nach Südafrika machen (das Ziel aber nie erreichen werden). Das hat durchaus noch verträumte Züge des einfachen Fußballs in den Kinderschuhen. So ist das Mannschaftsfoto von Amerikanisch-Samoa eigentlich der wahre Knüller der ganzen Ausgabe. Dort tummeln sich beleibte Oldies mit ihren blutjungen Mitspielern, unter anderem einem 17-jährigen Torwartschlacks. Diese Mannschaft hält übrigens auch einen FIFA Rekord, nämlich den, der höchsten jemals erfassten Niederlage auf Länderspielniveau. Beim betrachten des Fotos kann man sich vorstellen, wie es zum
Sehr gut ist auch die Kategorie Stadien, in denen ebensolche vorgestellt werden (in dieser Ausgabe: San Siro und Yokohama, dass man nicht gleich die Gelegenheit genutzt hat die „Bombonera“ von Boca vorzustellen finde ich aber schade). Wenngleich so etwas auch schon in anderen Fußballzeitschriften zu finden ist. Auch mit großem Interesse ließt sich das Interview mit Roberto Fontanarrosa, einem argentinischen Schriftsteller und Fußballkenner, der leider vor kurzem starb und dem Magazin eines seiner letzten Interviews gab. Für den Fan des Sammelns von Gegenständen, die man eigentlich nicht braucht, gibt es auch noch ein besonderes extra: zwei Schiedsrichterkarten, in den bekannten Farben gelb und rot. Genau das Richtige für den Hobby Referee.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass das FIFA Magazin eine wohltuend werbefreie Monatszeitung zum Thema Fußball ist, die mit ihrer recht einseitigen FIFA Perspektive sowohl anregende als auch enttäuschende Beiträge liefert. Dieser teilweise andere und etwas befremdlich wirkende Blick kann durchaus anregend wirken, da man was anderes als Standart geboten bekommt, wird aber sehr schnell abstoßend wenn man das Gefühl hat, nur offizielle FIFA Ideologie serviert zu bekommen.
5 Kommentare:
Tolle Idee, mit den Fußballzeitschriften. Wo kann man das FIFA-Blättchen denn kaufen und was kostet es? Wenn Du nix dagegen hast, würde ich gern das "World Soccer Magazine" mal vorstellen, kann allerdings keine aktuelle Ausgabe bieten (letztes Heft von Juni 2007). Ansonsten ist meiner Meinung nach die aktuelle Ausgabe von "11 Freunde" endlich mal wieder so richtig lesenswert, insbesondere der herausragende Titelbericht über Thierry Henry und den Fußball von Barca.
Dynamische Grüße, André
Sorry Tommer, Preis hast Du ja genannt, nur der Vertrieb würde mich noch interessieren. Bestellen? Bahnhofskiosk?
Auch von mir ein Lob für diese neue Rubrik!
hach ja ... es lohnt immer wieder hier mal vorbeizuschauen. super sache! grüße, dirk
Danke für Euer Lob. Die Zeitung habe ich am Flughafen gekauft, da ich dachte; brauch noch was zu lesen in der Luft. Ich denke mal in jedem Bahnhofskiosk muss es die geben (ich habe sie auch in Madrid in Spanisch gesehen).
Vertrieben wird das Blatt von der medienfabrik Gütersloh, diese Ausgabe kann man aber gern auch von mir haben, ich bin ja praktisch durch.
Wer selbst mal Lust hat was vorzustellen ist natürlich jederzeit eingeladen, auch wenn die Ausgabe etwas älter ist (WSM würde mich sehr interessieren).
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